Pedalambitus von Barockorgeln in Deutschland

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A Merkmale:

1 Dass die tiefste Pedaltaste C ist, hat sich seit dem ausgehenden 16. Jh. durchgesetzt, während zuvor sowohl das bei F oder bei C beginnende Pedal in Gebrauch war.

2 Meistens bleibt jedoch der Ton Cis im Pedalwerk unbesetzt; Grund: Weil Ton Cis äußerst selten gebraucht wird, wird der Platz eingespart und entsprechend entfallen Kosten für große, also materialaufwändige Pfeifen.

3 Kurze Octav: Orgeln der Renaissance und des Frühbarock sowie konservativ gedachte oder kleinere Instrumente weisen die sog. kurze Octav auf. Es entfallen die chromatischen Töne Cis/Des und Dis/Es, ebenso die Töne Fis/Ges und Gis/As. Doch es werden dennoch die Tasten Fis/Ges und Gis/As in der Claviatur realisiert; mittels dieser Tasten erklingen dann die Töne D und E.
Optische Reihung: E, F, Fis, G, Gis, A, B, H, c
Klangliche Funktion: C, F, D, G, E, A, B, H, c
(siehe Kurze Octav).

4 Die Unterscheidung von nicht obligatem und obligatem Pedalgebrauch führt zu weiteren Unterscheidungen: Für einen nicht obligaten Pedalgebrauch (Orgelpunkte, Unterstreichung der Bassführung zur Kadenzbildung) reicht die kurze Octav sowie ein Ambitus bis f oder a. Dies ist bis weit in das 18. Jahrhundert insbesondere in Süddeutschland anzutreffen. Ausgehend vom Typus der norddeutschen Orgel setzt sich in der Bachzeit auch Mitteldeutschland und in evangelischen Kirchen Süddeutschlands (siehe z. B. Bad Wimpfen, evang. Stadtkirche im Unterschied zur kath. Dominikanerkirche) das obligate Pedal durch.

5 Sonderfall Arnstadt, Wender 1703: Diese Orgel wurde vom achtzehnjährigen Johann Sebastian Bach abgenommen. Wender führte den Pedalambitus bis d′, verzichtete aber auf cis′.

6 Sonderfall Weissenfels (Schlosskirche), Christian Förner von Wettin 1673: Das Pedal dieser Orgel reichte bis f′ (siehe Glossar: Weissenfels). Ob Bach das Pedalsolo seiner Toccata F-Dur BWV 540 an dieser Orgel orientierte, wie in der Bach-Literatur unterstellt wird, oder ob sein Wissen darum ihn ermutigte, einen derartigen Pedalambitus zu notieren, sei dahingestellt.

7 Transpositionspedal: Die klingenden Töne C, D, E, F, G, A, B, H kehren klingend erneut als Töne C, D, E, F, G, A wieder, wenn man die Tasten in der kleinen Octav ab c spielt.

8 Sonderfall Varazdinske Toplice, Römer 1765: Das Pedal umfasst klingend C, D, E, F, G, A, B, H, c, cis/des, d, dis/es, e, f, Fis/Ges, g, Gis/As, a. Hier werden im Sinne des Transpositionspedals die besonderen Tasten fis und gis, die gemäß der kurzen Octav auch anhand der Töne D und E besetzt sein könnten, mit klingend Fis/Ges und Gis/As besetzt (siehe beispielsweise im Steyrischen Stil erbaute Orgel in Varazdinske Toplice, Anton Römer 1765).

B Kurze Oktav

Orgeln der Renaissance und des Frühbarock sowie konservativ gedachte oder kleinere Instrumente weisen die sog. kurze Octav auf. Es entfallen die chromatischen Töne Cis/Des und Dis/Es, ebenso die Töne Fis/Ges und Gis/As. Doch es werden dennoch die Tasten Fis/Ges und Gis/As in der Claviatur realisiert; mittels dieser Tasten erklingen dann die Töne D und E.
Optische Reihung: E, F, Fis, G, Gis, A, B, H, c
Klangliche Funktion: C, F, D, G, E, A, B, H, c

C Tasti spezzati (gebrochene Tasten)

In der Mitteltönigkeit kennt man über den acht Tönen c, d, es, e, f ,g, a und b acht reine Terzen sowie über den vier Tönen cis, fis, gis und h vier verminderte Quarten. Anhand dieser Normierung richtet sich der Gebrauch und Nichtgebrauch von Tonarten aus. Als problematisch erweist sich demnach die Verbindung dis − e, denn sie lautet per definitionem es − e sowie die Verbindung as−g, denn sie lautet gis−g. Im Laufe der musikgeschichtlichen Entwicklung ab dem späten 17. Jahrhundert werden die Fortschreitungen dis − e und as − g für den musikalischen Gebrauch von zusätzlichen Tonarten wie e-Moll oder c-Moll und f-Moll immer wichtiger. Daher werden dann die entsprechenden Tasten ›gebrochen‹ und mit Doppelfunktion belegt: Im je unteren Bereich greift man die Normalfunktion als Töne es und gis, im oberen Bereich die Neuerung als Töne dis und as. Sowohl das Intervall es − gis als auch das Intervall dis − as scheidet für den musikalischen Gebrauch aus, denn es stellt eine relatio non harmonica dar und wird daher mit dem Ausdruck ›Wolf‹ belegt. Neu hinzu kommt nun mittels der ›gebrochenen Tasten‹ die Relation es − as und dis − gis. Sonderfall Hamburg, St. Jacobi, Arp Schnitger 1693. Im Rückpositiv erhält die Claviatur drei ›Tasti spezzati‹ es/dis, gis/as und b/ais.

CB