Intavolierung
Intavolierung
»Intavolieren« (intabulieren) bedeutet wörtlich: »in eine Tabelle setzen«. Intavolierungen gab es bereits im 14. und 15. Jahrhundert (Buxheimer Orgelbuch 1470/ca. 258 Intavol.). Unter Intavolierung verstand man zunächst die Übertragung von polyphoner Vokalmusik (Motetten, Messsätzen, Chansons, Madrigale) auf Tasteninstrumente und Saiteninstrumente (Lauteninstrumente), das sogenannte ›Absetzen‹. Hierzu wurden seit Beginn des 14. Jahrhunderts verschiedene »Tabulaturen« erfunden, um die mehrstimmigen Vokalwerke in ein System ›abzusetzen‹, da diese meist nur als Stimmenmaterial vorhanden waren.
Diese Intavolierungen hatten verschiedene Funktionen. Zum einen die reine Übertragung (das Absetzen). Hier ist zunächst das liturgische Umfeld zu nennen (geistliche Musik) und somit die Erweiterung des Organistenrepertoires, da es auch zu den Aufgaben eines Organisten gehörte, den liturgischen Gesang colla parte zu spielen, also die Gesangsstimmen instrumental zu unterstützen. Daher ist die Klangsprache der Orgeln dieser Zeit auch zunächst sehr klar der Vokalität verpflichtet.(1) Im Laufe der Zeit kamen vermehrt auch andere instrumentale Typisierungen hinzu. Formen der Vokalmusik wurden mit instrumentaler Idiomatik verbunden.
Zum anderen hatten Intavolierungen (auf Tasten- wie Saiteninstrumenten) pädagogische Funktion oder dienten der Erbauung oder Unterhaltung (weltliche Musik). Auf der pädagogischen Seite waren Intavolierungen wichtige Bestandteile des Erlernens der Improvisationskunst sowie des Komponierens. Diese Praxis befürwortete bspw. auch später Michael Praetorius im Vorwort zu seinen Musae Sioniae 1609.
Unter die ›Kunst des Intavolierens‹ fielen dann auch insbesondere Kompositionen, die über den reinen Übertragungsmodus hinausgingen und teilweise als virtuose Arrangements oder kunstvolle Paraphrasen angelegt waren – je nach Intention des Komponisten. Anleitungen hierzu geben z. B. Conrad Paumann, Fundamentum organisandi (1452)/Hans Buchner:(2) Fundamentum […] 1520/Fray Juan Bermudo,(3) Declaración […] (1555), Kap. 41.
Harald Vogel unterscheidet in seinem Buch Zur instrumentalen Aufführungsweise des Motettenrepertoires unter besonderer Berücksichtigung der Orgelintabulierungen drei Typen von Intavolierungen:
1 Gut nachvollziehbare Stimmlagen bei gleichmäßiger Verteilung auf beide Hände
2 Vernachlässigung der Stimmführung der Vorlage. Rhythmisierung langer Notenwerte durch Repetitionen; die obere Stimme dominiert beim Kolorieren
3 Miteinbeziehung einer instrumentalen Typisierung. Der Diskant bewegt sich über parallel geführten Grundakkorden in überwiegend gleichförmigem virtuosen Figurenwerk
Etliche Musiktheoretiker thematisierten in ihren Traktaten das Intavolieren ausführlich wie bspw. Hans Buchner (1483– ca. 1538) in seiner Publikation Fundamentum, Pkt. 2: Ratio transferendi compositas cantiones in forma organistarum, quam tabulaturam vocant (»Absetzen« mehrstimmiger vokaler Stücke für die Orgel) oder Vincenzo Galilei (1520–1591/16. Jh. Italien) für die Laute in seinem Traktat Fronimo(4) (1568/1584) und viele weitere Traktate wurden hierzu verfasst.
Um die in solcher Weise bearbeiteten Stücke spielen zu können, bediente man sich der Tabulaturschriften als reiner Griffschriften, die, im Gegensatz zur Notenschrift, keine Stimmführungen berücksichtigten. Diese Tabulaturen für die Intavolierungen waren unterschiedlich gehalten, je nach Instrumententypus oder Landesgewohnheiten. Hierin sind grob zu unterscheiden:
- Ältere deutsche Orgeltabulatur (15./16. Jh.): 6 bis 8 geschlüsselte Linien mit Mensuralnotation im oberen Bereich und darunter Buchstaben
- Neuere deutsche Orgeltabulatur (16.–18. Jh.): Alle Stimmen haben Buchstaben, keine Notenlinien
- Spanien Orgeltabulatur: Noten und Ziffern
- Italien: Notensymbole auf Linien
- Lautentabulaturen (instrumentenspezifische Griffschriften): Darstellung der Saiten als Notenlinien in Kombination mit Buchstaben und/oder Ziffern (Italien/Spanien)
Die ersten gedruckten Intavolierungen publizierten Ottaviano dei Petrucci (1466–1539)/Venedig und etwa zeitgleich Andrea Antico (1480– ca. 1539)/Rom. Antico gilt als der erste Drucker der geistlichen Musik in Rom.(5) Seine päpstlichen Privilegien hierfür erhielt er im Jahre 1513. Seine erste Publikation entstand im Jahr 1510. Eine weitere wichtige war: Frottole intabulate da sonare organi, libro primo, Rom 1517.
Aus dem frühen 17. Jahrhundert stammen Heinrich Scheidemanns (ca. 1596–1663) Intavolierungen von motettischer Figuralmusik (Giovanni Bassano/Hans Leo Hassler/Orlando di Lasso u. w.).
Zu einem der wichtigsten Komponisten seiner Zeit gehört Johann Ulrich Steigleder. Seine beiden großen Kompositionswerke sind das Ricercar-Tabulaturbuch von 1624 und von 1627 das Tabulatur Buch, / Darinnen / Daß Vatteer unser auff 2, / 3. und 4. Stimmen componirt, und/ viertzig mal varirt würdt […]. In seiner Dedikation nennt Steigleder das Vater unser das »Gebett aller Gebett vnd Gesang aller Gesäng«.
Weiterführende Literatur:
Johannes Ring, Die Kunst des Intavolierens: Gebundenheit und Freiheit. In: Anuario Musical, 58 (2003) Link
Weitere Links:
- Lochamer Liederbuch (1451–1460)
- Buxheimer Orgelbuch/Conrad Paumann (1470)
- Andrea Antico, Frottole intabulate […] (1517), Notendruck
- Vincenzo Galilei, Fronimo (1568/1584)
- Heinrich Scheidemann (ca. 1595–1663), Motettenkolorierungen
Andrea Dubrauszky 2025
1 DVVLIO-Lehrvideo: 1565 – Mantua: Teil 1, Prof. Bossert, Prof. Raschietti und István Bátori im Gespräch
2 Hans Buchner: Fundamentum, sive ratio vera, quae docet quemvis cantum planum […] (1520), in: Carl Paesler, Das Fundamentbuch von Hans von Constanz, in: Vierteljahresschrift für Musikwissenschaft, Bd. V (1889), S. 1–192.
3 Fray Juan Bermudo, Declaración de Instrumentos musicales. Osuna, 1555, hrsg. von Macario Santiago Kastner, Documenta Musicologica, Kassel u.a., 1957. Faksimile. [= Declaración].
4 Vincenzo Galilei, Fronimo. Dialogo … nel quale si contengono le vere e necessarie regole del intavolare la musica nel liuto. Venedig, 1568/69.
5 Siehe DVVLIO-Lehrvideo: 1565 – Mantua: Diskurs Prof. Bossert/Prof. Raschietti